Vogelkunde

Von Spechthöhlen und Nistkästen

Vogeleinblicke auf Augenhöhe und im Wohnzimmer

von Prof. Dr. Volker Zahner

Mit dem Frühling kehrt der Vogelgesang in unsere Welt zurück und damit die Suche nach einem Revier und geeigneten Brutplätzen. Es gibt wenige Entscheidungen, die von solcher Tragweite sind, wie die Wahl des Neststandorts. Hiervon hängt maßgeblich ab, ob die Jungen Flügge werden. Überlegt man sich, was Spechte im Wald so besonders macht, kommt man sehr schnell darauf: sie bauen Höhlen. Damit gehören sie zu einer der ganz wenigen Vogelgruppen überhaupt die dies können. Und dafür haben sie besondere Anpassungen auch in ihrem Schädel.

Höhlenbau eines Schwarzspechtmännchens © Norbert Wimmer

Inhaltsverzeichnis

Warum aber dieser enorme Aufwand für den Brutplatz? Tatsächlich vereint eine Höhle viele Vorteile. Im Inneren ist es wärmer, es herrscht Windruhe und die Brut ist vor Nässe und Kälte geschützt. Ein Höhleneingang in mehreren Metern Höhe sichert aber auch vor Bodenfeinden wie Katze oder Fuchs, und ein möglichst kleiner Eingang schließt kletternde Arten wie den Baummarder und den Habicht aus. Im großen Durchschnitt sind rund 90% aller Spechtbruten erfolgreich. Das ist enorm hoch im Vergleich zu Freibrütern, wie der Amsel, bei denen mehr als jede zweite Brut verloren geht.

Kein Wunder also, dass auch andere Waldbewohner gerne eine solche Höhle beziehen. Das macht die Baumhöhle zu einer umkämpften Kleinstruktur. Im Durchschnitt versuchen 4 Arten pro Jahr diese zu erobern. Rund 40 Vogelarten von Meisen bis zum Waldkauz, rund 20 Säugetiere von Mäusen und Fledermäusen über Bilche bis zu Baummarder und Wildkatze und über mehrere hundert Insektenarten, darunter auch Wildbienen bewohnen diese Höhlen.

Um trotz der großen Konkurrenz zum Zuge zu kommen, gibt es die unterschiedlichsten Strategien: manche sind besonders groß oder wehrhaft, andere extrem hartnäckig, wie die Dohlen, die gemeinschaftlich ihre Höhle bewachen, wieder andere warten bis die Vormieter fertig sind, wie die Hohltaube. Manche sind klein, aber wehrhaft, wie die Bienen, andere verkleinern den Höhleneingang mit Lehm, um die größere Konkurrenz auszuschließen und manche nutzen die Höhle oft nur einen Mittagsschlaf lang, wenn sonst niemand Zuhause ist, wie die Sumpfmeisen.

Sumpfmeisen halten gerne Mittagsschlaf in Spechthöhlen. © Pixabay

Entsprechend dienen die Höhlen nicht nur als Brutplatz oder Aufzuchtstätte, sondern als Winterquartier, Vorratslager oder einfach als Schlafplatz für den Tag oder die Nacht. Doch es müssen keineswegs nur Spechthöhlen sein.  In Urwäldern, sind Faulhöhlen noch sehr viel häufiger als Spechthöhlen. Gerade in bewirtschafteten Wälder kehrt sich das Verhältnis aber um. In diesen Wäldern machen Spechthöhlen zwischen 60 und 72% der Höhlen aus. Hier sind sie der wichtigste Brutplatz für Vögel und Kleinsäuger. Da in Mitteleuropa 95% der Wälder Wirtschaftswälder sind, kommt den Spechten eine große Bedeutung zu. Dabei steigt die Zahl der Höhlen mit dem Alter und der nachlassenden Baumvitalität an. Unter 80 Jahren findet man kaum eine Höhle am Baum, während in über 300 jährigen Buchen- oder Eichenbeständen nahezu jeder Baum eine Höhle trägt.

Höhlen – selbst gemacht

Es gibt aber auch zwei kleine Meisenarten in unseren Wäldern, die Baumhöhlen anlegen: die Weiden- und die Haubenmeise. Wegen ihrer geringen Körpergröße und ihrer zierlichen Schnäbel können sie nur weiches, stark angemorsches Holz von Weide, Pappel oder Birke bearbeiten. Dabei stehen Birkenstümpfe in der Beliebtheitsskala ganz oben, weil die elastische und ziemlich verwitterungsbeständige Borke der Birke selbst stark vermoderten Stämmen noch eine beachtliche Stabilität verleiht.

Auch unsere kleineren Spechte nutzen für den Höhlenbau oft abgestorbene Bäume, die schon ziemlich morsch sind. Hierin unterscheiden sich etwa die Ansprüche des sperlingsgroßen Kleinspechtes nicht wesentlich von denen der Hauben- oder Weidenmeise. Auch er benötigt weiches, leicht zu bearbeitendes Holz für seine Bruthöhle. Diese Höhlen in Leichtbauweise sind nicht dauerhaft und eignen sich meist nur für eine Brutsaison.

Der grundsätzliche Bauplan der Höhlen ist den Spechten angeboren. Klein- und Mittelspechte, aber auch Dreizehenspechte bauen nahezu jedes Jahr eine neue Höhle. Buntspechte nutzen dagegen bei ausreichendem Höhlenangebot vielfach bereits bestehende Höhlen. Wenn Nachnutzer wie Meisen, Siebenschläfer oder Stare darin gebrütet bzw. gewohnt haben, säubert das Buntspechtpaar die Höhle von altem Nistmaterial und polstert anschließend den Höhlenboden wieder mit Holzspänen aus, die sie von den Innenwänden der Höhle gewinnen.

Männchen mit rotem Nackenfleck © Norbert Wimmer

Vor allem Erdspechte und der Schwarzspecht nutzen ihre Höhlen häufig über mehrere Jahre. Das kann aber mit längeren Unterbrechungen geschehen, wie Nutzungsgeschichten Jahrzehnte alter Schwarzspechthöhlen zeigen. Spechte folgen beim Bau ihrer Höhlen keinem starren Muster. Je nach Situation wählen sie den Weg des geringsten Aufwandes, was einmal mehr ihre Fähigkeit unterstreicht, auch mit komplexen Aufgabenstellungen fertig zu werden.

Die gemeinsame Arbeit an der Höhle stellt einen wichtigen Beitrag zur Partnerbindung dar. Sie erhöht die Vertrautheit zwischen den Partnern und übt wichtige Verhaltensweisen wie die Brutablösung ein. An der Höhlenbaustelle treffen sich die Partner und wechseln sich bei der Arbeit ab. Im Regelfall leistet das Männchen den weitaus größeren Teil der Arbeit. In der Nähe des künftigen Brutplatzes finden auch die ersten Kopulationen statt. Die fertige Höhle wird beim Schwarzspecht vom Männchen entsprechend mit leisen Dohlenrufen und leichtem klopfen am Höhleneingang dem interessierten Weibchen präsentiert. Dabei kann es durchaus zu Nachbesserungen und Änderungen durch das Weibchen kommen, immer unter den Augen des werbenden Männchens.

Wie entsteht eine Schwarzspechthöhle?

Fasziniert stehen wir vor einer säulenartigen Buche. Kurz unter dem Kronenansatz trägt sie eine Schwarzspechthöhle, die sich als dunkler Fleck vom grauen Buchenstamm abzeichnet. Wie wählt der Schwarzspecht wohl seinen Höhlenbaum aus? Ist er tatsächlich in der Lage seine Höhle in eines der härtesten heimischen Hölzer zu zimmern? Schon die Schwarzspechthöhle an sich ist faszinierend. Der Eingang ist hochoval und mit rund 13 cm an der längsten Stelle auffällig groß – die größte Spechthöhle überhaupt in der gesamten Paläarktis. Auch die Vorkehrungen gegen Stammabflusswasser sind erstaunlich. So weist der Höhleneingang am oberen Rand eine Tropfkante auf und am unteren Rand ist das Holz angeschrägt, damit das Wasser ungehindert abfließt und nicht in die Höhle gelangt. Das ist auch der Grund warum der Schwarzspecht den Kallus um die Höhle, den der Baum immer wieder als Wundverschluss ausbildet, entfernt.

Ansicht und Querschnitt einer Schwarzspechthöhle mit Tropfkante (oben) und Wasserablauf, also technischem Holzschutz gegen Wassereinbruch (nach Meyer & Meyer 2001)

Besonders interessant ist die Auswahl des Höhlenbaums und wie die Höhle entsteht. Sie suchen offenbar regelmäßig die stärksten Buchen am Kronenansatz nach solchen Faulstellen ab, die sie wahrscheinlich akustisch über Hackgeräusche erkennen. Diese Fähigkeit ermöglicht es dem Schwarzspecht auch den kürzesten Weg zur Fäule zu wählen und so Zeit und Energie zu sparen, die er später für die Brut und die Jungenaufzucht dringend braucht.

Um aber an den leicht bearbeitbaren „Kern“ zu gelangen, muss der Schwarzspecht zuvor noch den intakten Splint überwinden. Hierzu legt er regelmäßig Initialhöhlen von wenigen Zentimetern Tiefe an. Den noch harten Splint überwindet er folglich mit Hilfe Holz zersetzender Pilze, die über mehrere Jahre das Holz abbauen und es damit für ihn leichter bearbeitbar machen. Die Pilze des Stamminneren besiedeln den Wasser führenden Splint dagegen nicht. Die Initialhöhlen und Baustellen sind folglich ein fester Bestandteil der mittelfristigen Höhlenbaustrategie. Diese Stellen kontrolliert und bearbeitet der Schwarzspecht oft über mehrere Jahre, ja sogar generationenübergreifend. Manchmal geraten die alten Höhlenanfänge auch in Vergessenheit, aber in der Regel entsteht dort eine neue Höhle.

Langfristiger Höhlenbau

Oft dauert es fünf Jahre und mehr, bis wieder ein Schwarzspecht die Stelle bearbeitet und vielleicht zu einer Höhle ausbaut. Bezogen auf ein Schwarzspechtrevier baut ein Paar im Schnitt nur alle 5 Jahre eine neue Höhle aus. Der Höhlenbau ersetzt aber nicht nur alte unattraktive Höhlen, er ist auch ein wichtiger Teil des Balzrituals. Dennoch stellt im Durchschnitt ein Schwarzspecht nicht mehr als ein bis zwei Höhlen im Laufe seines Lebens fertig.

Das Schwarzspechtmännchen präsentiert die potenzielle Bruthöhle einem interessiert kritischen Weibchen. © Volker Zahner

Nistkästen gegen den Höhlen-Mangel

Höhlen und damit Brutraum ist also in der Regel rar. Hier hat der Mensch gelernt die Spechthöhle zu kopieren. Mit Nistkästen als Leichtbaumodellen wird diese Struktur nachgeahmt und in Gärten oder in jungen Wälder als Ersatz für Höhlen aufgehängt. Nistkästen sind also auch eine wichtige Hilfe für höhlenbrütende Gartenvögel wie die „gelben Meisen“ Kohl- und Blaumeise, den Gartenrotschwanz, aber auch Stare und Feldsperlinge. Gleichzeitig helfen die Vögel dem Gartenbesitzer bei der biologischen Bekämpfung von Forstspanner und Apfelwicklerraupen. Außerdem gibt es fast nichts Besseres als Kinder von der Natur zu begeistern als Nester und Jungvögel im Garten. Nistkästen haben im Gegensatz zu Höhlen noch den großen Vorteil, dass man sie leicht öffnen und kontrollieren kann, um Nester und Eier zu bestimmen. Außerdem gibt es Nistkästen mit Kameras, die das Leben der Höhlenbewohner direkt auf den Bildschirm übertragen. Damit offenbart sich das ganze spannende Leben in diesem kleinen im verborgenen stattfindenden Mikrokosmos. Konkurrenz, aufwändiger Nestbau, dann die Eiablage, bis das Gelege vollständig ist, dann der erste Schlüpftermin – alles Dinge, die sich spannend wie in einer kleinen Studie dokumentieren lassen.

Aufhängen sollte man einen Nistkasten möglichst in Richtung Südosten, damit es nicht hinein regnet, aber auch nicht zu heiß wird. Die Höhe ist nicht so wichtig, aber Katzen sollten den Kasten nicht erreichen. Dabei können auch Manschetten um den Baum helfen.

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Über den Autor

Prof. Dr. Volker Zahner arbeitet als Zoologe und Tierökologe an der Fakultät Wald und Forstwirtschaft der Hochschule für angewandte Wissenschaften Weihenstephan. Er ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Beiräte und Sprecher des Beirats des Landesbundes für Vogelschutz. 2006 erhielt er den Preis für herausragende Lehre vom Bayerischen Wissenschaftsministerium.

Schlagwörter

Specht, Spechte, Wald, Waldbewohner, Baumhöhle, Höhle, Spechthöhle, Nistkasten, Vogelgesang, Revier, Brutplatz, Brut, Neststandort, flügge werden, Höhleneingang, Bodenfeind, Katze, Fuchs, Baummarder, Habicht, Spechtbrut, Freibrüter, Amsel, Schwarzspechthöhle, Meise, Waldkauz, Säugetiere, Maus, Fledermaus, Bilche, Wildkatze, Insekten, Wildbienen, Biene, Dohle, Hohltaube, Sumpfmeise, Aufzuchtstätte, Winterquartier, Vorratslager, Schlafplatz, Faulhöhle, Kleinsäuger, Wirtschaftswald, Baumvitalität, Weidenmeise, Haubenmeise, Weide, Pappel, Birke, Birkenstumpf, Borke, Kleinspecht, Brutsaison, Mittelspecht, Dreizehenspecht, Buntspecht, Siebenschläfer, Star, Nistmaterial, Höhlenboden, Holzspan, Erdspecht, Schwarzspecht, Partnerbindung, Brutablösung, Dohlenrufe, Buche, Buchenstamm, heimisch, Kallus, Faulstelle, Hackgeräusch, Jungenaufzucht, Initialhöhle, Pilz, Balzritual, Brutraum, Garten, Gartenvögel, Kohlmeise, Blaumeise, Gartenrotschwanz, Feldsperling, Forstspanner, Apfelwicklerraupe, Natur, Nest, Kamera, Gelege

Ein Gedanke zu „Von Spechthöhlen und Nistkästen“

  1. zortilonrel sagt:

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