Naturpädagogik

Mit Kindern auf Entdeckungstour

Überlebenskünstler

Wie Pflanzen und Tiere sich behaupten

Von Gisela Tubes

Spektakuläre Funde in Mexiko haben vom Urwald überwucherte, ehemals großartige Bauwerke mit Märkten und Wegen des Naturvolkes der Mayas freigelegt. Die Mayas sind ausgestorben, ihre Bauwerke lagen lange Zeit versteckt im Urwald, überwuchert von Pflanzen und von zahlreichen Tieren besiedelt. Sie haben sich ihren Lebensraum zurückerobert. Menschliche Eingriffe, wie der Bau von Straßen, Plätzen und Gebäuden zerstören die natürlichen Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Bis nach Mittelamerika muss man nicht reisen, um zu sehen, mit welchen Strategien Pflanzen und Tiere in der Lage sind, diese für sich zurückzuerobern. Solche Wunder geschehen direkt vor unserer Haustür. Nehmen Sie Ihre Kinder an die Hand und gehen Sie auf Entdeckungstour! Auch in unseren Städten sind solche Überlebenskünstler zu entdecken.

Der Breitwegerich ist ein wahrer Überlebenskünstler. Foto: Gisela Tubes

Inhaltsverzeichnis

Pflasterritzen werden erobert

Immer wieder ist man erstaunt über die Vielzahl von Pflanzenarten, die es schaffen, sich in unseren Städten an den unwirtlichsten Stellen, von den kleinsten Ritzen im Bürgersteig bis zu den Fugen im stark befahrenen Kopfsteinpflaster anzusiedeln und dort zu überdauern. Sie werden zertreten oder überfahren, müssen mit schlechten Bodenverhältnissen auskommen und werden im Winter mit Salz bestreut.

Wie können in Pflasterritzen trotzdem Pflanzen wachsen? Wie vermehren sie sich und wie breiten sie sich aus? Einige Pflanzenarten haben interessante Strategien entwickelt. So zum Beispiel Breitwegerich und Hirtentäschel.

Der Breitwegerich hat nicht nur derbe Blätter mit robusten Blattadern, die Schuhsohlen und Wagenrädern trotzen. Nährstoffe und Wasser werden häufig auch nach Beschädigung der Blätter noch transportiert. Die vor allem bei Nässe klebrigen Samen setzen sich in Schuhsohlen, Wagenrädern und an Tierpfoten fest und fallen an anderer Stelle wieder ab. Finden sie dort gute Lebensbedingungen vor, können sie keimen und zu neuen Pflanzen heranwachsen.

Das Hirtentäschel ist ein „Schnellvermehrer“. Schafft es die Pflanze bei den unwirtlichen Bedingungen über die Blüte zur Fruchtreife zu gelangen, bildet sie eine Unmenge von winzigen, kleinen Samen in den herzförmigen Schötchen aus. Bis zu vier Generationen im Jahr sind möglich; bis zu 50.000 Samen werden pro Pflanze hervorgebracht! Einige dieser winzigen Samen werden es wohl schaffen, wiederum zu neuen Pflanzen heranzuwachsen, trotz Trittbelastung oder Fortspülen durch Regen und Straßenreinigung.

Mauern sind kein Hindernis

Nicht allein im mexikanischen Urwald sind Pflanzen und Tiere in der Lage, Mauern zu überwuchern. Mauern, die ohne Mörtel als Trockenmauer mit Ritzen und Fugen aufgeschichtet wurden, bieten besonders viele Möglichkeiten der Ansiedlung von Pflanzen und Tieren. Doch wie kommen die Pflanzen in die Fugen und Ritzen? Wovon ernähren sie sich?

Durch Wind wird zunächst Feinerde in die Ritzen und Fugen eingetragen und durch Wind werden ebenfalls Samen angeweht. So manch ein unverdauter Samen findet durch Vogelkot seinen Weg in eine Mauerfuge und beginnt zu keimen. Auch an Mauern gibt es Spezialisten, die besondere Überlebensstrategien aufweisen, wie zum Beispiel das Zimbelkraut. Das Zimbelkraut stammt aus dem Mittelmeerraum und ist an vielen unserer Mauern an den sonnenwarmen Südseiten zu entdecken. Damit die reifen Samen nicht auf den Boden des Mauerfußes fallen, sondern in andere Risse und Fugen der Mauer gelangen, manövriert die Pflanze diese geschickt dort hinein: Während der Stiel mit der Blüte das Licht sucht, wendet sich der Stiel mit der Frucht von der Sonne ab, der Mauer zu und bringt die Kapsel mit den Samen in einen Spalt. Raffinierte Natur!

Mauereidechsen können gut klettern, auch an senkrechten, fast glatten Mauern. Foto: Gisela Tubes

An und auf Mauern finden Tiere Nist- und Versteckmöglichkeiten, wie zum Beispiel die Mauereidechse. Ob es sich dabei um natürliche Felsstandorte handelt oder um vom Menschen geschaffene Mauerwerke, spielt dabei keine Rolle. Wenn Eidechsen sich gestört fühlen, verstecken sie sich schnell zwischen den Steinfugen. Das gelingt Mauereidechsen besonders gut, da ihr Körper im Gegensatz zu denen unserer anderen heimischen Eidechsenarten relativ flach ist. Ihre Nahrung besteht aus Spinnen und Insekten. Viele Eidechsen halten ihre Winterruhe in Fugen von Felsen oder Mauern.

Brach liegt hier nichts

In den Siedlungsbereichen, aber vor allem in den Randbereichen und Industriegebieten unserer Städte finden sich vielerorts Brachflächen. Das sind vorübergehend stillgelegte Bereiche, die für einen gewissen Zeitraum keiner Nutzung oder Bewirtschaftung unterliegen. Sie werden als „Unland“ oder „Ödland“ bezeichnet.

Nach und nach entwickeln sich die zunächst meist blüten- und insektenreichen Brachflächen zum Wald. Foto: Gisela Tubes

Brach liegen diese Flächen jedoch nur in dem Sinn, dass es keine menschlichen Aktivitäten dort gibt. Was die Pflanzen- und Tierwelt angeht, spielt sich auf solchen Flächen eine Menge ab. Die Flächen werden von einer Vielzahl an Pflanzen und Tieren zurückerobert. Keine Brachfläche ist wie die andere. Die vorherige Nutzung spielt bei der Entwicklung dieser Flächen eine entscheidende Rolle. Es gibt Acker-, Grünland- oder Gartenbrachen und die Ruderalfläche. Auf letzterer befanden sich zuvor meist Bauwerke oder versiegelte Bereiche (lat.: rudus = zerbröckeltes Gestein, Geröll, Schutt).

Eine Vielzahl von Pflanzen siedelt sich auf Brachflächen an, wie zum Beispiel Nachtkerze und Weidenröschen. Das Schmalblättrige Weidenröschen mit seinen kerzenförmigen Blütenständen wird auch „Trümmerpflanze“ genannt, weil sie häufig auf Schuttflächen zu finden ist.

Als „Ödland“ ist eine Brachfläche ganz und gar nicht zu bezeichnen. Im Frühling und Sommer wird sie aufgrund ihrer Blütenfülle von einer Vielzahl von Insektenarten angeflogen, von Bienen, Hummeln, Schmetterlingen, Käfern, Fliegen und Schwebfliegen. Heuschrecken, Spinnen und Blattläuse sind zu entdecken. Sie sitzen auf den Blüten und saugen Nektar, fressen Blätter oder nutzen die Pflanzen, um ihre Eier an ihnen abzulegen. Schmetterlinge lassen sich dabei beobachten, wie sie ihre langen Saugrüssel ein- und wieder ausrollen.

Mit den Jahren siedeln sich auf den Brachflächen zunehmend Gehölze an. Das sind zuerst Pioniergehölze wie Birke, Sal-Weide, Holunder und Brombeere. Auf manchen Brachflächen erscheinen Wild-Rosen, Schlehen und Himbeeren.

Während die Mayabauten mit der Zeit immer mehr von Sträuchern und Bäumen überwuchert wurden und sich so in den Dschungel integrierten, haben städtische Brachflächen meist keine Möglichkeit, sich letztendlich zu einem Wald zu entwickeln. Die Flächen werden meist wieder einer anderen Nutzung zugeführt, zum Beispiel mit Industrieanlagen bebaut.

Letztendlich ist alles wieder Wald

Ohne menschlichen Einfluss wäre Deutschland überwiegend von Wald bedeckt. Die natürliche Entwicklung der meisten Flächen unseres Landes hat den Wald als Ziel. Sonderstandorte wie Felsen, Geröllfluren im Gebirge, Flussauen, Moore oder das Wattenmeer sind Ausnahmen. Natürliche Entwicklungsverläufe sind in unserer vom Menschen geprägten Kulturlandschaft nur noch selten zu finden.

Doch auch in den noch vorhandenen Waldbeständen und Forsten sind spannende und interessante biologische Vorgänge zu beobachten. Auch hier sind Pflanzen und Tiere Überlebenskünstler. Auch im Wald gibt es raffinierte Anpassungen von Pflanzen und Tieren an die Gegebenheiten: Frühblüher nutzen die noch unbelaubte Frühlingszeit zum Wachsen und Vermehren, Pflanzen lassen ihre Früchte und Samen durch Tiere verbreiten und gute Tarnung rettet Leben. 

Kindern Natur vermitteln

Viele Pflanzen und Tiere sind Überlebenskünstler, aber nicht alle und nicht um jeden Preis. Zahlreiche Pflanzen- und Tierarten sind bereits ausgestorben oder bedroht. Klimaveränderungen, zunehmender Siedlungsbau, intensive Landwirtschaft, Umweltverschmutzung und andere Faktoren haben zum Rückgang oder Verlust von Lebensräumen beigetragen und damit einhergehend von vielen Pflanzen- und Tierarten.  Nur was wir kennen, können wir schützen und bewahren. Schon Kinder sollten wir an die Natur heranführen, damit sie diese zu wertschätzen wissen. Wie machen wir das?

In unserer digitalen Welt werden Kindern die kompliziertesten Vorgänge der Natur vor Augen geführt. Fernsehapparat oder Computer sprechen dabei den Sehsinn, vielleicht noch den Hörsinn an. Hin und wieder mag den Kindern sogar ein „Ah“ entlockt werden, denn Wissen macht bekanntlich dieses. Um ihnen aber ein Gefühl für die Natur und damit für unseren Lebensraum zu vermitteln, reicht eine passive Vermittlung von Fakten nicht aus. Alle Sinne werden am besten bei aktivem Erleben angesprochen.

Dabei muss man nicht unbedingt in den nächsten Zoo oder ein Naturschutzgebiet fahren. Die Wunder der Natur sind direkt vor der Haustür oder bei einem Spaziergang durch den nächstgelegenen Wald zu finden.

Bücher über Naturpädagogik geben Hilfestellungen und Anregungen, um Kindern das Wissen um unsere heimische Natur spielerisch nahezubringen. Illustration: Scott Krausen

Kinder sind die geborenen Entdecker! Sie sind wissbegierig, spielen und bewegen sich gern. Warum nicht diese Eigenschaften in einen Topf werfen und ihnen die Natur spielend nahebringen. Gewürzt mit einer Prise Fantasie kommen dabei spannende Abenteuererlebnisse heraus. Eine Portion frische Luft gibt es gratis dazu. So ganz nebenbei werden ökologische Zusammenhänge wie auch biologische Kenntnisse zu den heimischen Pflanzen und Tieren vermittelt.

Auch wir sollten gute Überlebenskünstler sein und uns nachhaltig um eine intakte Natur bemühen – mit unseren Kindern und Kindeskindern und ihnen zuliebe.

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Über die Autorin

Gisela Tubes hat an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster Diplom-Landschaftsökologie studiert und lebt seit 1989 in Detmold. Sie ist als Autorin für Zeitungen, Zeitschriften und öffentliche Institutionen tätig. Ihr Schwerpunkt liegt dabei auf ökologischen Themen, vor allem der Wildpflanzenkunde.

Schlagwörter

Pflanzen, Tiere, Lebensraum, Stadt, Pflasterritzen, Mauern, Brachflächen, Wald, Naturpädagogik, Entdeckungstour, Kinder, Spiele

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